Plötzlich haben wir Zeit

Vor ein paar Wochen fragte meine Mutter, ob ich Lust hätte, für ein oder zwei Tage nach London zu fliegen und mit meinen dort lebenden Kindern zu Mittag zu essen. Wie hätte ich da Nein sagen können? Wir verbrachten wunderbare 36 Stunden miteinander: ein köstliches Mittagessen mit Meeresfrüchten in Covent Garden, eine richtige Tasse Tee und wertvolle Zeit mit jungen Erwachsenen, die beim gemeinsamen Streifzug durch London vor Geschichten nur so übersprudelten.
Wir ahnten nicht, dass unsere vertraute Welt bald stillstehen und ein unsichtbares, tödliches Virus uns in die Enge treiben würde. Nie hätten wir gedacht, dass uns nach der Rückkehr nach Bergen zwei Wochen Quarantäne erwarten würden. Und wir hätten uns nicht vorstellen können, unseren geliebten Ort auf Bryggen verlassen zu müssen.

Unser wunderschönes kleines Geschäft ist so winzig, dass wir nicht geöffnet bleiben und zugleich Mitarbeiter und Kunden schützen konnten. Wir mussten schließen. In aller Eile wurden Budgets und Prognosen erstellt und geprüft. Ohne Einnahmen mussten unsere Mitarbeiter und auch ich leider vorübergehend freigestellt werden. Ruth Sofie und Daniela arbeiten in Teilzeit weiter, um den Onlineverkauf aufrechtzuerhalten, damit Susan Fosse nach diesem Wahnsinn auf jeden Fall weitermachen WIRD.
Ich hatte nie das Bedürfnis, meine Gedanken und Ansichten schriftlich zu verbreiten. Ich bin Strickdesignerin und führe mein eigenes Unternehmen. Ich liebe Farben und Strukturen, Formen und Oberflächen. Ich liebe es, Strickwaren zu entwerfen, mit Kunden und Kollegen zu sprechen und Menschen glücklich zu sehen. Ich tue alles dafür, dass mein kleines Unternehmen floriert, und ich liebe diese Arbeit. Sie gibt mir Sicherheit und Zufriedenheit in meiner eigenen kleinen Welt.
Viele von uns sollen nun plötzlich zu Hause bleiben – mit oder ohne Arbeit. Uns wurde „Zeit“ geschenkt. Zeit ist das Wertvollste überhaupt, etwas, um das ich mich seit Jahrzehnten bemühe und für das ich arbeite, um es mir leisten zu können. Für mich ist Zeit der größte Luxus. Stellen Sie sich vor, einen ganzen Tag frei zu haben und nicht ständig telefonisch erreichbar sein zu müssen, falls im Geschäft eine Frage auftaucht. Scheinbar aus dem Nichts ist mir nun Zeit im Überfluss in den Schoß gefallen. Ich weiß nicht, ob ich darauf vorbereitet war!

Meine zwei Wochen Quarantäne nach London verbrachte ich damit, auf die unmittelbare Krise zu reagieren und viel zu viele Nachrichten zu hören. Die Küche wurde gestrichen, Schubladen ausgeräumt und Lebensmittel und Gewürze entsorgt – manche stammten noch aus dem Jahr 2002! Papiere und Unterlagen wurden sortiert, Zeitungsausschnitte und alte Fotos gefunden und schöne Erinnerungen mit Familie und Freunden geteilt. Die Terrasse wurde gefegt und die Blumenbeete wurden aufgeräumt. Alte Strick- und Häkelprojekte, die in Kisten auf dem Dachboden auftauchten, konnten nun endlich fertiggestellt werden. Und natürlich würde ich bald wieder Sport treiben. Ich habe Listen mit all den Dingen geschrieben, die ich mit dieser wunderbaren freien Zeit anfangen kann!
Jetzt beginnt der beunruhigende Teil. Nach all dieser Zeit mit Tätigkeiten, die wenig Nachdenken erfordern, ist mein Kopf frei genug geworden, um darüber nachzudenken, was gerade wirklich geschieht: in der Welt, in Norwegen, zu Hause und mit mir. Wir sind in atemberaubendem Tempo durchs Leben gerannt – wofür? Für unseren eigenen wirtschaftlichen Gewinn, unser Ansehen und das Gefühl, etwas erreicht zu haben, um dazuzugehören und Anerkennung zu finden? Ich habe immer an nachhaltiges Leben und nachhaltige Mode geglaubt. Ich liebe es, dass meine Pullover bei richtiger Pflege ein Leben lang halten. Ich liebe das Teeservice, das ich mit 17 in einem Wohltätigkeitsladen gekauft habe. Ich liebe die Bäume, die ich in meinem Garten gepflanzt habe. Aber wann nehme ich mir wirklich Zeit, all das zu genießen? Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, diese Bäume tatsächlich zu sehen. Die Farben und das Wachstum um mich herum in diesem Frühling wahrzunehmen. Ich habe mich online mit Freunden ausgetauscht. Das klingt vielleicht nebensächlich, aber die Zeit zu haben, ihnen zuzuhören, war eine große Freude.
Ich weiß nicht, ob ich nach mehreren Wochen noch genauso positiv sein werde. Im Moment empfinde ich es jedoch als großes Privileg, diese Zeit zu haben. Ohne das Schreckliche an unserer Lage zu unterschätzen, die uns alle noch lange prägen wird, genieße ich gerade die kleinen Augenblicke. Das hat mich schon durch viele schwierige Zeiten getragen. Jetzt habe ich mehr denn je das Gefühl, dass wir ohne schlechtes Gewissen innehalten und eine gute Tasse Tee aus einer richtigen Teetasse genießen dürfen.

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